Gedanken des Regisseurs

Mein Film erzählt, in welcher Welt unsere Eltern und Grosseltern einst gelebt haben, wie sich die ländliche Schweiz, Lebenswelten und Mentalitäten im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert haben.

 

Der Film ist eine Hommage an alle Grossväter, die ihren Enkelkindern ein Stück Geborgenheit mit auf den Weg gegeben und ihnen ein Fenster in die Welt der Phantasie geöffnet haben.

So war es auch bei meinem Grossvater, dem Kaminfegermeister des Dorfes und Vater meiner Mutter. Im Jahre 1989 aber hat er sich das Leben genommen. Ich konnte es lange nicht fassen.

Mein idealisiertes Grossvater-Bild bekam Risse. Fragen drängten sich auf.

Im Rückblick halte ich Grossvaters Suizid für die Verzweiflungstat eines Mannes, der eingeengt war im Korsett der patriarchalischen Wertvorstellungen seiner Zeit.

Seine Frau, meine Grossmutter, mit der er seit 55 Jahren verheiratet war, lag schwerkrank im Bett. Seine Kinder, unter ihnen meine Mutter, waren von dieser Situation überfordert. Was würde wird aus ihm werden, wo er doch bisher immer selbständig gewesen war? Über seine Gefühle und seelischen Nöte wusste er nicht zu sprechen. Diese Sprache war ihm fremd. 

Auf die Sprachlosigkeit ihrer Eltern und deren Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen oder über den Tod zu sprechen, weist im Filmgespräch auch meine Mutter hin.

 

Obwohl ich von meinem Grossvater, seiner Zeit, seinem Leben und seinem Lebensende erzähle, geht es eigentlich um meine Geschichte. Ich glaube, im Wesen meines Grossvaters Verhaltensmuster zu erkennen, die mir selbst nicht fremd sind, Muster fatalistischen Verhaltens und unzulänglicher Sprache.

 

Mit der Kamera habe ich Erinnerungsorte besucht, vor allem im Ägerital und in Rothenthurm. Gelände, Häuser und Innenräume haben sich in den letzten Jahrzehnten teils bis zur Unkenntlichkeit verändert. Im Film stelle ich auch alte Fotografien und zeitgenössische Filmaufnahmen einander gegenüber. Er zeigt die Arbeit der Zeit am Raum – wie sich die Landschaft verändert hat.

Landschaften, Innenräume und Objekte bilden Leerstellen, die das Publikum mit seiner eigenen Vorstellungskraft füllen kann. Im halbdunklen Kellerraum, dem Ort des Suizidgeschehens, sind beispielsweise hölzerne Gegenstände erkennbar, Gehstock oder Werkzeuge, die sich seinerzeit dort fanden. Eine assoziative Bruchstückhaftigkeit von Detailaufnahmen, teils verfremdet und in Zeitlupe, gibt der Filmerzählung seine gestalterische Entsprechung.

 

Im Film verwende ich Super-8-Farb- und 16mm-Schwarzweiss-Filmausschnitte aus meinem Archiv. Ich habe diese Aufnahmen seinerzeit ohne bestimmte Absicht von meinen beiden Grosselternpaaren gemacht. Verschiedene Einstellungen werden variiert, verfremdet, etwa auf Aussen- und Innenräume projiziert, als wären es übereinander gelagerte Erinnerungsschichten, die sich vor dem inneren Auge abspielen. 

 

Mit den Erinnerungen an Kindheitserlebnisse im Haus meiner Grosseltern untrennbar verbunden sind zwei Dinge, die der Film wieder zum Leben erweckt: «Jimmy», der turnende Clown am Reck (ein Blechspielzeug) und der Zylinderhut des Schornsteinfegers. Das waren meine Lieblingsspielzeuge. 

Mein Zauberland mit vielen geheimnisvollen Dingen lag auf dem Dachboden, für mich als Bub ein magischer Ort: Fasnachtsmasken und -kostüme, alte Fotografien und Totenbilder.  Vor allem stapelten sich dort Zylinderhüte in unterschiedlichen Grössen. Wie jedermann weiss: Zum Zaubern braucht es einen Zylinderhut, wie ihn die Schornsteinfeger tragen. Als Kind wollte ich zaubern können. Der Kaminfeger ist eine magische Figur, die nicht nur Brände verhütet, sondern auch Glück bringt. So sah ich als Bub meinen Grossvater.

Als Autor bin ich der unsichtbare Beobachter, der sich erinnert. Wichtiges Element des Films ist der Off-Erzähler, für den ich wie bei meinem letzten Film «Hexenkinder» Hanspeter Müller-Drossaart gewinnen konnte. Er führt durch den Film und erzählt aus meiner persönlichen Sicht das Geschehen, retrospektiv, aber auch reflexiv.

 

Ich arbeite im Film mit verschiedenen Elementen – mit Reenactment-Szenen, Landschaften, Animationen, altem Fotomaterial, Archivfilmen (z.B. Diamant-Feiern 1989, Fabrikschornsteinsprengung 2000 in Zürich, Privataufnahmen in 16mm und Super-8), Schornsteinfeger-Treffen, experimentell auch mit Slowmotion/Bildmontagen, Gesprächen und anderen Elementen.

 

Die Originalmusik des Filmes, komponiert von Sounddesigner Oswald Schwander, macht die Anwesenheit der kindlichen Energie in einer Familie spürbar. Wenn der Spielzeug-Clown namens «Jimmy» am Reck turnt, bildet das metallen-klackende Geräusch des Blechspielzeugs die Ausgangslage für ein musikalisches Leitmotiv. Die Melancholie und Lüpfigkeit der Innerschweizer Volksmusik drücken Schwyzerörgeli und Handorgel aus, verweisen auf die seelische Verwundbarkeit, aber auch die Lebensfreude der Filmfiguren.

Ziel Publika sind Filmliebhaberinnen und -liebhaber, die sich für persönliche, aber allgemeingültig erzählte Geschichten mit ethnographischem Anspruch interessieren. Die Thema Suizid und soziales Milieu, der Verlust von einst identitätsbildenden Lebenswelten, die Aufarbeitung überkommener männlicher und weiblicher Rollenmuster bzw. Zuschreibungen ist von gesellschaftlicher Relevanz.

 

Oswald Schwander ist auch der Sounddesigner vor allem der Filme von Andreas Dresen („In Liebe, Eure Hilde“) oder des Filmes „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

 

Oswald Schwander (links) und Jörg Höhne in der Tonmischung.