«Wenn du der Welt universelle Geschichten erzählen willst, erzähle über dein Dorf» – Tolstoi
Ein rarer Blick hinab in die Tiefe der ländlichen Schweiz und hinauf zu den Sternen
«Der Mann auf dem Kirchturm ist ein schöner und sehr persönlicher Film mit magischen Momenten. Eine einfühlsame Hommage an deinen Grossvater und eine grosse Umarmung
des Familienclans, aus dem du selbst hervorgegangen bist.
Da gibt es zum Glück keine Nobelpreisträger und Generäle zu bewundern und auch keine Kranzschwinger, Chefärztinnen oder Kantonsräte, sondern Kaminfeger, Wagnerinnen und Mütter, die ein Dutzend Kinder zur Welt brachten, aus denen alle etwas wurden. Rechtschaffene und viel schaffende Menschen, meist Handwerker und Hausfrauen, wie es eben in den Zeiten unserer Eltern und Grosseltern nach Recht und Tradition – und nicht zuletzt "in Gottes Namen" – halt so war.
Ein rarer Blick hinab in die Tiefe der ländlichen Schweiz und hinauf zu den Sternen.
Fredi M. Murer, Filmemacher
Ein sinniger Kontrapunkt zu unserer herben Zeit
Edwin Beeler war schon immer ein Filmemacher, der Seelenlandschaften vermessen hat, in den «Hexenkindern» etwa, in der «Weissen Arche» oder auch im «Bruder Klaus». Dieses Mal versucht er es bei seinem Grossvater, dem Dachdecker und Kaminfeger im Zugerischen Oberägeri – und bei sich selbst. Was macht der schwindelfreie Wagemut auf dem hohen Kirchturm und der schwarze Russ verlöschter Herdfeuer mit Menschen, die ein Leben lang damit zu tun haben? Bewundert der kleine Bub den grossen und starken Mann in seinem Grossvater zurecht? Ein Arbeitsunfall enthüllt dem 15-Jährigen, wie brüchig auch dieses Leben ist. Brüche, die man wegstecken kann, wenn eine Männergesellschaft es so haben will. Brüche, die jedoch in verschiedenen Wendungen des Lebens wiederkehren, selbst in der Beziehung zu den Liebsten. Und auch wenn man eisern nicht darüber spricht, lähmen sie am Ende den eigenen Lebenswillen und führen ins Unglück. Ein Familiendrama, das man in der Familie und im Dorf verschweigt, wäre da nicht ein Enkel, dem es keine Ruhe lässt.
Es sind viele Fragen, die Edwin Beeler sich stellt. Er hofft, sie mit Erinnerungen und Mutmassungen, mit hintergründigem Verdacht und mit autobiographischen Erzählungen auszuloten. Bucklige Landschaften, dunkle Bachtobel und verwunschene Häuser stehen dafür. Das Kind im Autor stöbert im Estrich der Erinnerungen, findet vergilbte Fotos, spielt die glücklichen Tage mit dem Grossvater nochmals durch. Wer war er? Was wusste seine Frau? Wie erlebte ihn seine Tochter, die eindrückliche Mutter des Autors?
Auch das Dorf mit seinen Originalen kommt ins Bild, vielschichtige Stimmungen und unausgesprochene Gefühle kommen hoch. Und doch lässt der übliche Lebenstrott so viele Winkel unausgeleuchtet. Gesellige Feste und fastnächtliche Maskeraden vermögen Depressionen aus verheimlichten Lebensschicksalen kaum aufzuheitern. Und was, wenn religiöse Rituale und felsenfeste Glaubenssätze der Vorderen den Heutigen den versprochenen Trost nicht mehr spenden? Müssten allenfalls tradierte Bilder von Männern und Söhnen ebenbürtigen Bildern von Frauen und Töchtern begegnen, sodass beide Welten sich munter ergänzten?
Zu guter Letzt erahnen wir kaum die Fragen, wie sollten wir Antworten wissen! So ist der Film eine gern gesehene Einladung, sich auf die Suche zu begeben.
Dr. Erwin Koller, früherer Leiter Sternstunden SRF
Ein Film, der Innerseelisches mit äusserer Realität verbindet
Dieser leise, poetische Film ist nicht nur eine persönliche Suchwanderung des Filmemachers, die Schatten seiner Vergangenheit zu durchleuchten, es ist nicht nur eine persönliche Auseinandersetzung mit Fragen der Identität, des Gewordenseins in einem dörflichen Umfeld, es ist ein Zeitzeugnis, das jeden psychologisch interessierten Menschen zum Nachdenken anregt, wie prägend Rollenvorstellungen, wie ein Mann zu sein hat, den eigenen Lebensentwurf prägen und welche fatalen Folgen diese Rollenstereotypen für alle Betroffenen haben.
Der Film versteht es, in musikalischen stimmungsvollen Landschaftsbildern, die Verbindung von Innerseelischem und äusserer Realität herzustellen. Es ist ein ungewöhnlicher Beitrag, traumatisches Geschehen in Bildern und Gesprächen erfahrbar zu machen.
Wer immer «Leichen im Keller» seiner Familiengeschichte hat, wer sich immer gefragt hat, woher so plötzlich und unerklärbar Verstimmungen, Selbstentfremdung und depressive Einbrüche den Alltag überschatten, wird in diesem Film behutsam auf die Spur des Verstehens geleitet, auf die Suche nach der Wahrheit, die – weil verstörend – von einer Verschwörung im Schweigen zugedeckt war.
Für die psychotherapeutische Zunft ist dieser Film eine Bebilderung transgenerationeller Traumata, ein eindringlicher Appell, die Langzeitfolgen von Suizid, quälende Fragen nach der Schuld und die Scham der Hinterbliebenen tiefer zu verstehen, die nicht nur den Einzelnen und die betroffene Familie, sondern auch eine ganze Dorfgemeinschaft langfristig prägen. Hier wird gezeigt, wie Schweigen und Verschweigen Leiden produziert, ein unendlich quälendes Fragen nach dem 'warum'.
Der Film zeichnet auch ein Bild der Frau, das uns unsere Vorstellungen von Ehefrau und Muttersein hinterfragen lässt, das Einblick gewährt, was auf Frauen dieser Zeit, eingebunden in patriarchale Strukturen, an Verantwortung und Sorge gelastet hat und wie sie an eigenen Lebensentwürfen gehindert wurden.
Dr. Ursula Wirtz, Psychoanalytikerin (C.G.Jung)